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DIE SPRACHE DER GÖTTIN

Marija Gimbutas, die litauisch-amerikanische Archäologin, entdeckte und benannte die matriarchale/egalitäre, friedliche Kultur des "Alten Europa" vor 6000-8000 Jahren und lieferte damit eine wichtige Grundlage für MatriarchatsforscherInnen und frauengeschichtsforschende Feministinnen. Sie stützte sich in ihren Forschungen über das Alte Europa auf die Kenntnisse der Archäologie, Linguistik, Mythologie sowie der Volkskunde. Sie stellte die Vermutung auf, dass es sich dabei um eine große, matrilineare und egalitäre Kultur gehandelt hat: eine Kultur, die viele Jahrtausende Bestand hatte.

Ihr Heimatland Litauen wurde als letztes europäisches Land christianisiert, hier hielten sich hartnäckig heidnische Bräuche. Volkskunst gehörte zum täglichen Leben in Marijas Umgebung. Die Bediensteten glaubten an Hexen und an Nornen, die den Lebensfaden spinnen. Für sie, das Mädchen, waren Feen real. Marija sagte selbst: "Ich hörte Märchen, als ich den alten Frauen zu Füßen saß. Die Göttinnen lebten noch, sie waren um mich, die Nornen, die Raganas, die Hexen, Baba Yaga. Das war entscheidend. Als ich über die Göttinnen schreiben musste, bin ich in Gedanken in meine Kindheit zurückgegangen. Ich erinnerte mich an das, was ich aus der Volkskunde über die Göttinnen wusste."

Mit 15 (nach dem Tod ihres Vaters) begann Marija sich für alles, was mit dem Vergangenen zu tun hatte, zu interessieren, besonders für alles, was mit alten Glaubensvorstellungen vom Tod und prähistorischen Beerdigungsriten zusammenhing.

In ihrem Elternhaus hatte es geheißen, Litauisch wäre eine der ältesten indoeuropäischen Sprachen. Deshalb wollte sie herausfinden, was der Ursprung des Indo-Europäischen war. Dies führte sie schließlich zur archäologischen Forschung in Osteuropa. Anhand der Grabhügel für Häuptlinge, "Kurgane" genannt, identifizierte Gimbutas die Proto-Indo-Europäer als viehzüchtende Nomaden aus den Steppen an der Wolga. Diese These war freilich nicht unumstritten.

Ihr linguistisches Wissen war eine wichtige Voraussetzung für die richtige Deutung der archäologischen Funde, die sie in den 60er Jahren machte. Sie reiste viel durch ganz Europa, führte Ausgrabungen an zahlreichen Stellen durch bzw. leitete sie, allein fünf große in Osteuropa zwischen 1967 und 1980. Sie stellte fest, dass die Kulturen ganz anders war, als jene, die sie aus Südrussland kannte: keine Viehzüchter, keine kriegerische Kultur mit Pferden und Wagen. In Nord-Griechenland und Südost-Europa fand sie stattdessen eine Ackerbaukultur mit "´wunder-, wunderschöner Töpferware, Hunderten von - Tausenden von Skulpturen, Figurinen, Tempel-Modellen und anderen wunderschönen Dingen.´" Die Jungsteinzeit in Europa ergab für Marija Gimbutas ein geschlossenes Bild, die Vorstellung einer einheitlichen Kultur:

"Es ist ein großes Missverständnis, davon auszugehen, dass Kriegsführung ein Teil der menschlichen Natur ist. Umfangreiche Kämpfe und die Errichtung von Befestigungsanlagen gehörten tatsächlich zum Leben der meisten unserer direkten Vorfahren, von der Bronzezeit bis heute. In der Altsteinzeit und in der Jungsteinzeit war dies jedoch nicht der Fall. Bei altsteinzeitlichen Höhlenmalereien gibt es keinerlei Darstellungen von Waffen (jedenfalls keiner Waffen, die gegen andere Menschen verwendet wurden), noch gibt es Überreste von Waffen, die in der Jungsteinzeit im frühen Europa von Menschen gegen Menschen eingesetzt wurden."

Im Gegensatz zu den meisten ArchäologInnen, die sich auf Spezifika konzentrieren (Siedlungsstruktur, Keramik), betrieb sie eine Überschau und sah "etwas Einheitliches, eine hochzivilisierte Gemeinschaft mit einem feinen Gespür für Ästhetik und Harmonie, einem Sinn für Musik und Tanz, kunstvoller Metallbearbeitung lange vor den Metallzeiten, der Präzisionsarbeit an Nadeln und Knöpfen ebenso wie feiner Web- und Flechttextilien, einer hohen Wertschätzung der Natur und hoch differenzierter religiöser Vorstellungen." Sie gab dieser Kultur den Namen "Old Europe = Alt-Europa", in gleichzeitiger Anlehnung und Abgrenzung gegen "Indo-Europa".

Nach Marija Gimbutas lebten zwischen 6.500 und 3.500 v.u.Z. verschiedene Gesellschaften zwischen den Karpaten und dem Norden Griechenlands, zwischen dem Adriatischen Meer und dem heutigen Bukarest, aber alle nach der gleichen Norm, im selben Geist. Der Fund zahlreicher sehr ähnlicher Statuen in diesem großen Raum gab ihr die Bestätigung dafür.

97% der Funde waren weiblich, darunter auch Vasen und Tassen: Etliche Tongefäße hatten Brüste und ein Gesicht, auf den Dächern von Tempelmodellen waren wie ein Kamin ein langer Hals und ein weibliches Gesicht angebracht. Ein Altar hatte die Form eines Schoßdreiecks. Manche Skulpturen zeigen nur die Vulva oder ein Paar Brüste. "Das, was Frauen gegenüber Männern auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, neues Leben zu schaffen und mit dem eigenen Körper zu nähren, es also zu erhalten." … "Die Göttin vereint alle Momente des Zyklus in sich. Sie, die Gebärerin, schenkt Leben. Sie, deren Brüste Milch und Wasser spenden, erhält das Leben. Als furchteinfllößende Macht bringt sie den Tod. Doch der Tod ist nie das Ende, er enthält zugleich den Keim des neuen Lebens. Marija Gimbutas nennt die Göttin u.a. ´Regeneratrix´, die Erneuerin."

Marija Gimbutas ordnete die gefundenen Figuren zu folgender Typologie:

  • 1. Die Göttin als Personifikation der generativen Kräfte der Natur - dargestellt als Gebärende, mit betonter Brust und/oder Vulva, mit dem Kind auf dem Arm, als Bärin-Amme, als offener Mund oder doppeltes Auge, als Schlange/Schlangengöttin, mit dem Widder als ihrem Begleiter.

  • 2. Die Göttin als Personifikation der destruktiven Kräfte der Natur, als Todesgöttin - dargestellt mit eng an den Leib gepressten Armen, als "steife Nackte", mit der Farbe Weiß, aus Knochen oder weißem Gestein hergestellt, in Form einer Giftschlange oder häufiger als Raubvogel (Geier, Eule, Rabe, Krähe).

  • 3. Die Göttin als Personifikation der Erneuerung, die den Lebenszyklus kontrolliert - dargestellt in vielen, verschiedenen Manifestationen des Uterus, Schamdreiecks oder Fötus: Frosch, Kröte, Igel, Stierkopf, Dreieck und Doppeldreieck, auch als Insekt, Biene, Schmetterling, Motte.

  • 4. Männliche Gottheiten machten nur 3 - 5 % der Funde aus. "Männliche sexuelle und physische Kraft wurde angesehen als eine Macht, die auf magische Weise die weibliche Schöpfungskraft vergrößert. Männliche Gottheiten repräsentieren entweder die Vegetation, die im Herbst abstirbt, um im Frühjahr ´aufzuerstehen´, oder sie waren verknüpft mit der wilden Natur."

Marija Gimbutas sah in diesen Glaubensvorstellungen ein Erbe der Altsteinzeit. Da Glaubensvorstellungen nicht über Nacht verschwinden, auch wenn ihre Kultur untergeht, hielten sie sich ganz oder teilweise bis ins 2. Jahrtausend v.u.Z. bestehen, beispielsweise in der minoisch-mykenischen Kultur.

Sie deutete Ornamente als Bildsprache: gerade Linien, gestreifte und gepunktete Bänder, ineinandergesetzte Vs, Zickzack- und Wellenlinien. Den Punkt in der Mitte von Rauten interpretierte sie als Korn; tw. sind echte Körner in den Ton gedrückt worden. Diese und andere Bilder (Wirbel die aus Halbmonden und Hörnern entstehen, aufgerollte Schlange, Spirale, stilisierte Vogelklauen, Sanduhr, Raute) führte Marija Gimbutas zu der Entdeckung, dass es sich dabei um eine Schrift handelte. Sie nannte diese Formensprache "Die Sprache der Göttin".

Diese Entdeckung wird (vor allem in der männlichen Fachwelt) gern ignoriert. Die Erfindung der Schrift wird den Sumerern zugeschrieben, und dabei hat es zu bleiben. Bestimmte Zeichen wurden aber schon in der Altsteinzeit, vor über 20.000 Jahren, verwendet, etwa das V, das M oder das Y, in Knochen, Horn oder Stein geritzt. Im Laufe der Zeit entwickelten die Menschen 60 Zeichen, die sie offenbar gezielt einsetzten, auf Tongefäßen verdoppelt, multipliziert, einander entgegengesetzt, zusammen mit Mäandern und Parallellinien: in dieser Verschachtelung und Verdoppelung sah Gimbutas eine Verstärkung, eine Art Anrufung.

Marija Gimbutas schloss aus den Darstellungen der Göttin auch auf die Sozialstruktur Alt-Europas. Mit vielen Beispielen malte sie "ein soziales Miteinander, in dem das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern ausbalanciert ist, eine Lebensführung, in der religiöses und Alltagshandeln nicht voneinander geschieden sind."

Gegen Ende ihres Lebens trat in ihrer Arbeit die spirituelle Dimension stärker in den Vordergrund.

Dank ihrer fundierten Ausbildung in mehreren Bereichen, nicht ausschließlich Archäologie, fiel es ihr leicht, die unterschiedlichen Funde der unterschiedlichen Kulturen zu unterscheiden, "ihr Blick war nicht eindimensional".

1974 erschien ihr erstes Buch "Götter und Göttinnen Europas". Damit hatte sie sich, ohne das zu beabsichtigen, außerhalb des Systems begeben; ein Archäologe beispielsweise rezensierte es in dem Sinne "Was sie vorher geschrieben hat, war gut, aber jetzt überschreitet sie die Grenzen".

Eindringlich mahnte sie, dass "der Rückblick auf die Vergangenheit uns zur Herstellung einer besseren Zukunft verpflichte."

Marija Gimbutas´ Gedanken und Werke wurden interessiert aufgenommen. Standardwerke wurden ihre umfangreichen Bücher "Die Zivilisation der Göttin" und "Die Sprache der Göttin".

In ihren letzten Jahren arbeitete sie eng mit Joan Marler zusammen, einer ausgebildeten Tänzerin, die die Texte des Mythenforschers Joseph Campbell als Inspiration verwendete, als Tanzlehrerin und Choreographin und auch fürs Radio arbeitete. 1987 interviewte sie Marija Gimbutas. Da sie auch journalistisch tätig war und Lektoratserfahrung hatte, bat Gimbutas sie, mit ihr an "The Civilization of the Goddess" zu arbeiten, das 1991 herauskam.

Bis heute arbeitet Joan Marler daran, die Arbeit von Marija Gimbutas zu verbreiten und zu vertreten, beispielsweise bei der Eröffnung der Ausstellung "Sprache der Göttin. Symbolik im neolithischen Alt-Europa. Annäherung an das Werk von Marija Gimbutas" 1994 in Wiesbaden und beim Ersten Kongress zur Matriarchatsforschung in Luxemburg 2003.

An der spirituellen Göttinnen-Bewegung, die zumindest zum Teil durch ihre Arbeit ausgelöst worden war, hatte sie nie Anteil. Sie war Wissenschaftlerin und nahm an spirituellen Zusammenkünften nur teil, wenn sie speziell zu ihren Ehren veranstaltet wurden. Ihre Spiritualität drückte sich in ihrer Leidenschaft für ihre Arbeit aus. Da sie überzeugt war, dass die alt-europäische Spiritualität erdverbunden war, war es auch gar nicht nötig, dass sie spezielle "Göttinnendienste" besuchte oder betrieb, denn in dieser Art Denken ist Arbeit gleich Göttinnendienst.

Sie hatte nie die Absicht, eine Göttinnen-Bewegung auszulösen. Sie hatte einfach ihre Arbeit gemacht. Sie war sogar erstaunt, dass sie solchen Enthusiasmus ausgelöst hatte. Die vielen Briefe, mit denen Frauen ihr ihre Wertschätzung aussprachen, haben sie verwundert - aber natürlich waren sie auch eine große Befriedigung für sie. Sie wollte keine Symbolfigur werden, und wenn ihr Zustimmung auch gut tat, so wollte sie nie angebetet werden.

Ihre Forschungen zeigen, "dass wir als Zivilisation nichts Neues lernen müssen, um in Zukunft zu überleben, sondern uns nur an etwas Vergessenes zu erinnern brauchen. "

Text: Irene Fleiss (von mir leicht modifiziert)

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